Roco
25.04.2020
zusammen mit deinem Hund.
Dein Fokus sollte immer
auf euer Wohlergehen liegen!”
Der Anfang
Nachdem ich meinen Kaffee getrunken hatte, ging ich zu meinem Appartement. Hier gab es auch eine Terrasse, die über eine kleine Treppe zu erreichen war. Es dauerte nicht lange, als auf einmal ganz langsam und vorsichtig die Nase des blonden Hundes erschien. Er stand auf der obersten Treppenstufe, sah mich an, kam näher und legte sich zu mir. Er war ganz ruhig, trug ein Halsband und schien also zu jemandem zu gehören. Mir fiel auf, dass er eine verletzte Pfote hatte, die allerdings versorgt war. Ich sah eine kleine rasierte Stelle an seinem Vorderbein und, dass die Wunde genäht worden war. Es schien ihm gut zu gehen, denn er humpelte nicht, hatte wohl keine Schmerzen und einen Menschen, der sich um ihn kümmerte. Dennoch fragte ich mich, warum dieser schöne Hund alleine unterwegs war. Ich gab ihm Wasser, und wir verbrachten den Nachmittag zusammen. Wir waren gerade auf einem Spaziergang, bei dem ich dem Hund folgte, der zwischendurch immer stehen blieb, um auf mich zu warten, als ich an meine Rückreise an diesem Abend dachte. Ich musste zurück, um meine Sachen zu packen. Ich blieb also stehen, und als hätte er es verstanden, was meine Gedanken waren, ging er jetzt ohne sich nach mir umzudrehen weiter seinen Weg. Hatte er doch vorher immer auf mich gewartet, so tat er es in diesem Moment nicht. Es gab in dem Sinne also keinen Abschied. Nur den gesendeten Gedanken an ihn: Ich danke dir für diesen wunderschönen Nachmittag. Und bitte pass’ auf dich auf. In Deutschland angekommen, war natürlich noch dieser Hund in meinem Kopf. Alles schien aber normal wie immer zu sein, bis mir am nächsten Morgen erzählt wurde, dass der Hund vor der Tür meines Appartements erschienen war und auf mich gewartet hatte. Er bekam Brot und Wasser, blieb noch einen kurzen Moment und war dann wieder gegangen.
Der Stein geriet ins Rollen
Noch ein Jahr suchte ich nach ihm. Kollegen, die nach Valenzia reisten, fuhren das Gebiet um das Hotel ab. Ohne Erfolg. In dieser Zeit recherchierte ich zusätzlich im Internet. Ich schrieb spanische und deutsche Tierschutzvereine an und fragte, was ich tun könnte, um diesen Hund zu finden. Sie empfahlen mir Internetseiten von öffentlichen Tierheimen und sogar Tötungsstationen in Spanien zu besuchen. Falls ihn jemand dorthin gebracht hat, könnte ich ihn vielleicht auf einer der Websites finden.
Ich fand viele tolle und schöne Hunde; nur nicht ihn. Jedoch fand ich in den folgenden Monaten heraus, wie wenig ich über Tierschutzhunde bzw. das Leben der Straßenhunde wusste. Schon allein das Wissen, dass es Tötungsstationen gibt. Hunde, die in einer festgelegten Zeit kein Zuhause finden, werden eingeschläfert. Sie sind gesund und vermittelbar. Das einzige was ihnen fehlt ist ein Zuhause. Ich war naiv zu glauben, dass es den Tieren in einem Tierheim gut gehen und sie alle ein Zuhause finden würden. Ich glaubte daran, dass jeder Tierbesitzer sein Tier bis an sein Lebensende mit ihm verantwortungsvoll und liebevoll umgehen würde. Stattdessen werden viele Familienhunde einfach auf die Straße gesetzt. In Spanien und in anderen Ländern ist es völlig normal.
In jedem Land herrschen andere Umstände. In jedem Land werden Tiere in Bezug auf ihre Wertigkeit unterschiedlich eingestuft. Aufgrund des neuen Wissens, denn ich recherchierte dann nicht mehr nur in Spanien, sondern in vielen anderen Ländern weiter, war für mich klar, der nächste Hund kommt aus dem Tierschutz und sollte ein Notfallhund sein.
Nach über einem Jahr gab ich meine Suche nach dem großen Blonden zwar auf, was mir sehr schwer fiel, aber dafür war die Entscheidung getroffen, dass ich einen Hund adoptieren wollte. Bis dahin hatte es aber noch einmal ein Jahr gedauert, denn diesen Notfallhund musste ich erst finden.
Der Notfallhund
Wir fuhren viele Kilometer und besuchten viele deutsche Tierheime. Wir sahen viele Hunde, die dringend ein Zuhause brauchten, aber irgendwie fühlte sich nichts richtig an. Ich wollte nicht irgendeinen Hund, den vielleicht das Tierheim unbedingt vermitteln wollte. Uns wurden einige Hunde gezielt vorgestellt, aber keiner war dabei, bei dem ich sagen konnte: Ja, er bzw. sie ist es. Das Aussehen war mir unwichtig, die Vorgeschichte oder das Alter interessierten mich nicht. Scheinbar gab es ein Kriterium, das ich nicht in Worte fassen konnte. Und so kam ich zurück auf Spanien, wahrscheinlich unbewusst durch mein Erlebnis angetrieben, und durchforstete die Websites spanischer Tierschutzvereine. Ja, und da war mein Notfallhund. Roco hieß er. 5 Jahre alt, lebte in einem spanischen Shelter in Malaga und war als Notfallhund ausgeschrieben, weil niemand einen Zugang zu ihm bekam. Er wurde von seiner Familie mit zwei Jahren abgegeben. Sie wollten ihn nicht mehr. In den drei Jahren im Tierheim sah Roco auf den Fotos optisch besser aus, hatte aber inzwischen innerlich sehr stark abgebaut und sich aufgegeben, dass die Tierschützer Sorge hatten, er würde sterben.
(Fotos von 2007 bis 2010)
Herzlich Willkommen in meiner Welt
Die Hundeschule
Wenn es Situationen gab, die er nicht einschätzen konnte, zitterte sein ganzer Körper. Er klebte regelrecht am Boden fest und bewegte sich dann keinen Zentimeter mehr. Alleine lassen, nur ohne ihn aus dem Raum gehen, war nicht möglich, dann verfiel er in Panik. Waren wir allein zusammen Zuhause, hatten wir allerdings keine Probleme.
Auf Empfehlung besuchte ich eine Hundeschule und erhoffte mir Unterstützung bei den Problemstellungen und tiefer gehende Erklärungen zu seinem Verhalten. Schon nach nur zwei Wochen kündigte ich den Vertrag und ging nicht mehr hin.
Die Trainingsempfehlungen bzw. -maßnahmen beinhalteten Zwänge, Druck und körperliche Gewalt. Leinenruck, dem Hund auch körperlich klar machen, wer das Sagen hat oder den Hund in Übungen hineinzwingen, ungeachtet dessen, wenn er vor Angst blockiert. Im Freilauf wurde Roco von der Trainerin mit einer großen Blechdose, die mit Steinen gefüllt war, abgeworfen und über dem Auge getroffen. Der Grund dafür: Er hatte das Holzhaus markiert.
Ansatzweise wusste ich es schon zu dieser Zeit, dass diese Trainingsansätze veraltet und falsch waren. Und ich stelle mir heute immer noch die Frage: Wie kann sich mit diesen Trainingsmaßnahmen Vertrauen aufbauen? Denn diese gibt es heute immer noch!
Die Hundepsychologin
Ihre Empfehlungen:
Er müsse ein Halti tragen, damit er das Laufen an der Leine lernt.
Ein Spielebuch, um Roco das Spielen beizubringen. Das Buch beinhaltete Tipps und Vorschläge, wie man im Haus Tunnel mit Stühlen, Tischen und Kisten baut. Aha. Durch die sollte ich meinen Hund dann schicken? Ich kaufte das Buch also nicht.
Ja und ansonsten wüsste sie es auch nicht, warum er solche Angst hat, und warum er nicht hört. Ich wollte keine weiteren Termine.
Wer bist du?
Warum hast du nur solche Angst?
Was kann ich für dich tun, damit ich dich verstehe? Damit du mich verstehst.
Wie können wir ein Team werden?
Was macht dich glücklich und lässt dich frei fühlen?
DER NEUANFANG
Sondern komm’ als lebende Seele.
Zwei Schlüssel in sein Leben
Ich war sprachlos. Was war das gerade? Den Rest des Spazierganges verbrachte ich damit, über diese Situation nachzudenken. Wir waren jetzt anders unterwegs. Eine andere Atmosphäre herrschte, denn er sah oft zu mir, blieb stehen und wartete auf mich bis ich ihn erreichte und gingen dann zusammen weiter. Was war geschehen? Was ich während der folgenden Spaziergänge feststellte, war, dass ich gedanklich anders bei ihm war. Ich sah, was er sah. Beruflich komme ich aus dem Marketing Sektor. Ich war ein anderes Tempo und eine andere Sicht der Dinge gewohnt; immer nach einem großen Ziel ausgerichtet, und sah die kleinen Geschehnisse nicht mehr. Das änderte sich nun schlagartig, und mein Kopf wurde mit jedem Spaziergang freier. Ich dachte nicht mehr an die Arbeit oder an andere Dinge. Ich fing an mit Roco unsere Umwelt wahrzunehmen, die Natur mit ihren kleinen Ereignissen. Zum Beispiel eine Wiese voller kleiner Grashüpfer, die erst kürzlich geschlüpft waren. Mein Handy schaltete ich nun immer ab. Die Zeit, die wir draußen verbrachten, gehörte von da an nur uns.
Und dennoch, ich konnte machen, was ich wollte; rief ich ihn, kam er nicht. Geschweige denn, dass er zu mir herübersah. Keine Chance. Sechs Monate waren inzwischen vergangen, stellten wir dann endlich fest, dass er taub war. Wie sollte er mich da hören können? An die Empfehlungen der Hundeschule darf ich gar nicht denken. Endlich fiel uns noch ein weiterer Schlüssel zu Rocos Tür in die Hände, und wir lernten über die Körpersprache miteinander zu kommunizieren. Zusammen mit einer lieben Freundin und ihren beiden Hunden kam dann auch das Spielen. Die Verständigung klappte immer besser, und in der Tat setzte auch Roco die Körpersprache so ein, dass ich ihn besser verstehen konnte. Das Vertrauen konnte endlich wachsen, und die Ängste wurden weniger.
Erkenntnisse
70 bis 100 Hunde, die auf einem Grundstück mit ihren Tierschützern leben und mit ihnen das Haus teilen. Noch heute ist das so. Ich war überrascht, wie gut Menschen und Hunde in solch einer Situationen zusammenleben können. Es gibt kein Training. Dafür ist überhaupt keine Zeit. Hunde werden vermittelt und neue Hunde von der Straße ziehen ein.
Ich erinnere mich noch genau an die Worte:
“Geweint wird später. Im Tierschutz geht es vorrangig erstmal darum, das Leben des Tieres zu retten.
Und wenn dann noch Zeit bleibt, kannst du deinen Gefühlen freien Lauf lassen.”
Es gibt viele Perspektiven den Tierschutz zu betrachten. Wenn er seriös und im Sinne der Tiere stattfindet, ist er zwingend notwendig. Es gibt sehr viel Leid auf der Straße. Allerdings auch sehr viel Freude, wenn wir sehen, dass Straßenhunde eine Chance bekommen und sich in einer Familie wohl fühlen. Für diese Hunde braucht es in erster Linie Verständnis, Zeit und Geduld. Das Training am Grundgehorsam sowie das Aufstellen von Regeln wie “Das darfst nicht, und das darfst du nicht.” ist erstmal so unwichtig.
Rückblick
Und jetzt?
Jetzt blicke ich auf mehrere Jahre in der Tätigkeit als Hundepsychologin mit Spezialisierung auf Verhaltensberatung und als Hundetrainerin zurück. Ich unterstütze Menschen mit ihren Hunden, die unter anderem dasselbe Problem haben, wie ich damals hatte.
Wie ich selbst gelernt habe, kann die Veränderung der Sichtweise, von Verständnis und Verstehen für das eine oder andere auf einmal das Zusammenleben mit dem Hund ganz leicht machen! Allerdings braucht es dafür den Willen über den Tellerrand zu schauen, und den Fokus vom Training zum perfekten Hund weg und stattdessen auf das Wesentliche zu richten. Nämlich auf die Bedürfnisse der Menschen und ihrer Hunde und diese auf einen Nenner zu bringen! Dafür braucht es kein starres 08/15 Training am Grundgehorsam!
DIE WISSENSCHAFT
Unsere Hunde brauchen keine Watte, ABER, sie brauchen ein Umfeld, das ihnen eine klare Orientierung vorgibt, Sicherheit, Geduld, Zuneigung, Struktur sowie einen zuverlässigen Partner an ihrer Seite. Ihr Umfeld bestimmt der Mensch!
Wenn das Umfeld des Menschen nicht stimmig ist, so ist es völlig klar, dass das Umfeld für den Hund ebenfalls nicht stimmig ist. Weil beide Lebewesen zusammenleben, ist es nur logisch, dass die meisten Verhaltensauffälligkeiten entweder hausgemacht sind oder durch ein traumatisches Ereignis beim Menschen oder beim Hund verursacht wurden.
Schauen wir doch genauer hin,
bevor wir nur am Verhalten des Hundes etwas verändern wollen!
Er war ein so verdammt stolzer Spanier mit einer so starken Persönlichkeit.
Selbst als ihn seine Hinterläufe nicht mehr tragen wollten.
Ich werde nicht vergessen, wie sehr er sich freute,
mit dem Rolli ohne meine Hilfe laufen zu können!
So viel Witz und Humor hatte er.
Vor allem aber:
So viel Geduld mit mir!!!
Ich danke dir von ganzem Herzen.
Ich kann gar nicht in Worte fassen,
wie sehr ich dich vermisse!
Die Zeit mit dir war viel zu kurz.
Aber so so wertvoll für mich!!!
Und:
Danke an den großen Blonden,
der den ersten Stein ins Rollen brachte.
Die Frage bleibt: Wo bist du?