Diese Zeilen widme ich dem wunderbarsten Wesen, was mir je begegnet ist.
Er wird immer in unseren Herzen bleiben.
Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden, das haben wir uns versprochen.
Vielen lieben Dank Tatjana, dass ich diese Erinnerung hier festhalten darf.
Die Aufregung war natürlich groß. Teilen durfte ich diese Stunden mit meiner lieben Freundin Marina, meinem Sohn Marco und seiner Freundin. Marco und seine Freundin fuhren mit mir auch zum vereinbarten Treffpunkt, um ihn in Empfang zu nehmen. Nicole war so lieb und hat uns kurz vorher noch Fotos geschickt, da liefen schon die Tränen bei mir.
Ich sah ihn in der Box sitzen, es muss unbequem für ihn gewesen sein. Aufgrund seiner Größe konnte er sich kaum bewegen, er war immerhin bis zum Moment der Übergabe schon 34 Stunden unterwegs.
Die Fahrer beschrieben ihn als aggressiv, aber auch als ängstlich.
Am 07.04.2013 kurz vor 9.30 Uhr war es dann soweit. Beim Blick in den Transporter kullerten uns die Tränen. So viele arme Seelen sahen zitternd in den Boxen und waren recht aufgeregt. Es war noch sehr kalt an diesem Tag. Wir hatten uns gewünscht, mit ihm auf dem Parkplatz noch einen Moment laufen zu können, aber leider war das in seiner Verfassung überhaupt nicht möglich. Er hatte solche Angst, er mochte keinen Schritt gehen. Die beiden Frauen banden ihm eine Schleife um sein Maul, damit er nicht aus Angst schnappt. Sie mussten ihn ins Auto tragen. Der Versuch, ihn auf den Rücksitz auf eine Decke zu legen, scheiterte, er flüchtete gleich in den hinteren Fußraum. Er musste mal…. Vor lauter Aufregung hatte er starken Durchfall. Während der Fahrt legte er sich auf meine Füße, ich konnte seinen Kopf in meine Hand nehmen.
Er wirkte unendlich traurig und müde.
Nicole schrieb mir vorher schon, dass er wohl mal einen Besitzer gehabt haben muss, dieser ihn aber aufgrund der Hautkrankheit weggejagt hat. Er hatte mit Sicherheit ein Leben an der Kette mit vielen Schlägen geführt. Sein Dasein als Straßenhund war natürlich auch von Angst und Gewalt durch Menschen geprägt. Die Hundefänger, die ihn dann ins Shelter brachten, taten ihr Übriges, um die Angst vor Menschen bei ihm so zu manifestieren, dass er vollkommen in sich gekehrt war. Ich hatte nur ein Ziel (das war schon seit Langem mein Herzenswunsch). Ich wollte ihm eine traumhaft schöne Zukunft schenken. Er sollte einen weichen Schlafplatz haben, das Beste und Leckerste zu Fressen bekommen und ausgelassen über Wiesen toben dürfen.
Gegen 11.30 Uhr kamen wir in Rostock an. Leider lief dann alles völlig anders als geplant. Er traute sich nicht aus dem Auto. Wir wollten ihn auf keinen Fall in Kontakt mit anderen Hunden kommen lassen. Das ist allerdings hier sehr schwierig. Schon als wir die Autotür öffneten, kreuzte der erste Hund unseren Weg. Bendit wurde als aggressiv gegenüber anderen Hunden beschrieben. Wir hatten allerdings nicht den Eindruck. Wir waren eher der Meinung, dass es die pure Angst in ihm war, die ihn so reagieren lies. Also warteten wir und versuchten dann erneut, ihn zum Aussteigen zu bewegen. Aber wir hatten keine Chance. Dann hoben wir ihn raus. Aber er war schneller, verkroch sich sofort unter dem Auto, welches neben uns parkte. Er wollte dort nicht wieder hervorkommen. Wir lockten ihn mit einer Wasserschüssel, denn wir wussten, dass er Durst hatte. Aber weder das, noch Leckerlies oder Brötchen brachten den Erfolg. Er war so gestresst, dass nichts mehr ging. Er leckte am Schnee, seine Nase blutete. Ich machte mir große Sorgen, die Fahrerinnen sagten, wir sollten darauf achten, dass er nicht kalt wird. Die Zeit lief gegen uns. Dann rief Marco seine Hundetrainerin an. Sie riet uns, es mit Hilfe eines Besens zu versuchen. Vorsichtig schob ich von der anderen Seite. Leider war er zu groß und zu schwer. Unglücklich war auch, dass er sich beim Aussteigen die Maulschleife abgerissen hatte. Er kannte ja nicht das Gehen an der Leine. Wieder riefen wir die Hundetrainerin an. Sie kam dann kurz entschlossen zu uns. Ihr gelang es, ihn die Treppen hoch in die Wohnung zu ziehen. Marco und seine Freundin gingen hinter ihm, damit er auch wirklich mit hochkam.
Der Gang bis in die 5. Etage war für ihn sicherlich eine unendlich weite Strecke, nach diesen ganzen Ereignissen …. die lange Fahrt in der Box …. eine Fahrt ins Ungewisse.
Plötzlich waren um ihn herum neue, fremde Menschen, fremde Gerüche, viele Eindrücke, eine neue Umgebung ….
Wie ließen ihn gleich im Flur von der Leine. Futter und Wasser stand bereit. Wir gingen zunächst alle kurz ins Wohnzimmer. Er verkroch sich im Flur in eine Ecke, lag auf dem Bauch, den Kopf eingezogen, für mich die Körperhaltung der absoluten Angst. Nach wenigen Minuten verließen alle die Wohnung, nun waren wir allein. Ich beschloss, ihn wirklich komplett in Ruhe zu lassen, machte meine Dinge so, wie immer. Auf dem Weg ins Bad musste ich an ihm vorbei. Am Abend schaute er mich dann schon an, wenn ich vorbei ging. Die Tür zum Wohnzimmer war immer angelehnt. Er sollte wissen, dass ich da war und dass er reinkommen konnte, wenn er wollte. Am nächsten Tag ließ ich die Tür zum Wohnzimmer weit auf. Die Wasserschüssel und der Futternapf waren so plaziert, dass er mich sah, wenn er dorthin ging. Er schlief sehr viel, er hat sogar geschnarcht. Ich glaube, er hat noch niemals im Leben einen warmen Schlafplatz und diese Ruhe zum Schlafen gehabt wie hier. Marco kam am Montagabend vorbei, um zu sehen, wie es ihm geht.
Er nahm zwar das Futter aus meiner Hand, ließ aber keine Berührung zu. Ich wollte ihn nicht drängen. In den nächsten Tagen begann er (besonders, wenn er unbeobachtet war), sich in der Wohnung zu bewegen und alles zu erschnüffeln und zu erkunden. Man merkte, dass er auf dem Linoleum noch sehr unsicher lief. Teppichboden wäre sicher besser gewesen, aber die Teppiche musste ich rausnehmen und entsorgen, da er ja nicht stubenrein war und ich mit ihm nicht nach draußen gehen konnte. Wenn ich auf ihn zuging, wich er immer zurück. Das machte mich sehr traurig. Ich setzte mich öfter auf seine Decke, mit dem Rücken zu ihm. Er schnupperte dann, manchmal blieb er auch liegen, manchmal ging er weg. Wahrscheinlich war ihm diese Nähe doch unbehaglich. Marco kam öfter und brachte leckere Dinge für ihn mit. Er war so vorsichtig, wenn er sie aus seiner Hand nahm. Auch von Marco ließ er keine Berührungen zu. Die Tage vergingen, aber es war nicht daran zu denken, mit ihm mal runter zu gehen. Hinzu kam, dass er noch immer sehr viel geschlafen hat, irgendwie war er nicht wirklich munter, und ich vermisste diese hundetypische Neugier. Manchmal ging er nachts durchs Zimmer. Das machen Hunde ja oft. Ich stellte fest, dass er Husten hatte. Voller Sorge versuchte ich, einen Tierarzt zu finden, der zu uns nach Hause kommt. Leider ist das in Rostock so gut wie gar nicht möglich. Niemand war bereit, ihn mal anzusehen. Es machte mich unendlich traurig. Was sollte ich tun? Ich wollte so gern mit ihm auf die Wiese gehen, aber er sollte auch gesund sein oder es werden. Ich war hilf- und ratlos, telefoniert, was das Zeug hielt, aber ohne Erfolg. Eine Woche war vergangen. Jede Nacht stand ich auf und machte das Zimmer sauber. Ich bereue keinen Moment, denn er konnte ja nicht anders. Wir konnten nicht nach draußen. Er traute sich nicht mal auf den Balkon. Am liebsten lag er auf seiner Decke, dort fühlte er sich scheinbar sicher. Nach genau zwei Wochen, in der Nacht von Sonntag zu Montag hat er unglaublich viel gehustet und sehr stark geniest. Ich konnte nicht schlafen, weil auch er nicht zur Ruhe kam. Beim Niesen kam Gewebe mit raus. Das legte ich weg. Seine Nase blutete wieder, ich war in großer Sorge. Montag morgen fuhr ich zu Dr. Hammer, dem Tierarzt, der in der VOX-Serie „Menschen, Tiere und Doktoren“ regelmäßig zu sehen ist. Nur halbherzig schaute er sich die Gewebestücke an und wies darauf hin, dass die Tierklinik keine Hausbesuche macht. Er meinte auch, das Gewebe sehe nicht gut aus. Den Ratschlag, den er mir gab, möchte ich hier lieber nicht niederschreiben, da vergesse ich bloß meine gute Erziehung.
Ich fragte mich, wo hier das Wohl des Tieres geblieben ist. Als Tierarzt hat man doch die Aufgabe, Tiere zu heilen, oder?? Ich verlor den Glauben an alles!! Unter Tränen fuhr ich nach Hause. Marco fand telefonisch einen Tierarzt, der uns ein Medikament mitgeben würde. Nachmittags fuhr ich in die Praxis – mit allen Fotos, dem Klinikbericht und dem Impfausweis. Ich bekam ein Antibiotikum und ließ die Gewebestücke dort.
Rührend kümmerte ich mich um alles, versteckte auch mal Leckerlies und Futter in der Wohnung, damit er vielleicht etwas zutraulicher wird und spielerisch alles erkunden kann. Der glatte Fußboden war immer wieder ein Faktor für Unsicherheit bei ihm. Ich kaufte mehrmal Hühnerklein und verteilte die Portionen auf 2 Tage. Er mochte es unheimlich gern, vor allem die Brühe davon. Natürlich schmeckte ihm auch das zarte Fleisch. Wir aßen auch manchmal gemeinsam Butterkekse. Sein Äußeres veränderte sich ein wenig. Das Fell um die Ohren wurde dunkler, insgesamt wurde das Fell glänzender und weicher. Sein Blick wurde etwas entspannter und gelöster, aber eine gewisse Angst blieb.
Ich hatte mich bitter getäuscht. Schon als er sagte, dass es leider nicht gut aussieht, kullerten bei mir die Tränen. Ich bekam den Befund per eMail, wollte das alles einfach nicht glauben!!! Sowas gibt es doch nicht!!!! Der Arzt hat mir geraten, es gut zu überlegen, es ginge schließlich um die Lebensqualität des Hundes ….. und die Energie, die Zeit und das Geld für eine eventuelle Therapie bei diesem Befund….. womit ich vielen anderen Hunden in Not helfen könnte….,
denn für ihn gibt es keine Besserung…..
Ich wollte es nicht glauben, ich wollte einfach nicht!!! Es kann doch nicht sein, dass wir beide keine Zeit und keine Chance bekommen…. Ich durchwühlte das Internet, gab die Fragestellung und die Befund-Angaben immer wieder anders ein – aber das Ergebnis war immer dasselbe!!! Es hat mir den Boden weggerissen!!! NEIN!!! BITTE NICHT!!! Wieder telefonierte ich mit der lieben Freundin und fragte nach ihrer Meinung. Es war eindeutig. Sie legte mir dringend ans Herz, ihn gehen zu lassen. Worauf sollte ich warten??? Es war mehr als eindeutig, er hatte nicht mehr viel Zeit. Sein Zustand würde sich verschlimmern. Wir sollten doch die Erinnerung so behalten, wie wir sie bis jetzt hatten. Ich sollte nicht warten, bis es ihm zusehends schlechter geht. Es würde nur noch schlimmer, für ihn und für mich. Ich wusste, sie hat Recht, aber ich habe die Welt nicht mehr verstanden! Noch immer durfte ich ihn nicht streicheln. Nun war mir natürlich auch klar, warum er sich so oft hinter die große Pflanze zurückgezogen hatte.
Das passte genau zum Krankheitsbild. Ich war verzweifelt und hilflos. Ich habe diese Ungerechtigkeit nicht verstanden! Ich wollte nicht verstehen! So viele sprechen von der Kunst des Loslassens, woher wusste ich, ob er wirklich nicht mehr wollte. Ich war wie gelähmt. Aber der Tierarzt zeigte Verständnis, gab mir Bedenkzeit. Nach diesem Dienstag kam der 1. Mai, der Mittwoch, der alles entscheiden sollte. Wieder bekam er Nasenbluten, aber dieses Mal hörte es nicht auf. Es tropfte immer aus der Nase. Überall waren seine Spuren. Es war nicht doll, aber beständig – überall Tropfen ….. Ich hatte Angst. Am Donnerstag morgen rief ich den Tierarzt an. Eigentlich wollten wir darüber sprechen, ob eine erweiterte Laboruntersuchung stattfinden sollte, die noch mehr Aufschluss geben kann. Aber, als wüsste er Bescheid, fragte er gleich, wann er kommen soll. Ich war in Tränen aufgelöst, denn an diesem Morgen nahm er nach dem 3. Mal kein Futter mehr aus meiner Hand. Ich hielt ihm immer 2 – 3 Futterstücke hin, damit er bei den Portionen möglichst oft meine Hand berühren sollte …. Er legte nur seinen Kopf in meine Hand …. für einen Moment, als wollte er mir wirklich sagen, dass er nicht mehr mag, weil er nicht mehr kann. Ich rief Marco an. Marco kam sofort, brachte noch ein Kuscheltier mit für ihn und Butterblumen, die er noch gepflückt hatte. Benny schnupperte an den Blumen. Er bekam noch Butterkekse von Marco. Wie abgesprochen gab ich ihm mit Leberwurst die beiden Tabletten, die ich zerkleinert hatte. Er verspeiste die Wurst – und ich glaube inzwischen, er wusste, was kam. Ich wollte ihn retten – es war die einzige Möglichkeit, ihm weiteres Leid zu ersparen.
Der Tierarzt kam, er durfte sich sogar zu ihm auf die Decke setzen und ihn kurz berühren. Dann wollte er aber aufstehen und weggehen, aber sein Körper reagierte auf die Tablette, und er konnte nicht mehr laufen. Die Tür zum Flur wurde zugemacht. Wir sahen nicht, wie sie ihm den Maulkorb anlegten, ich hoffe sehr, dass er das nicht mehr bewusst erlebt hat. Unter Narkose hat der Arzt ihn untersucht, konnte aber rein äußerlich nichts feststellen. Wir durften ihn streicheln und kuscheln …. endlich!!!! Noch immer blieb die Entscheidung, ob ich ihn für weitere Untersuchungen in die Praxis gebe. Hier wären aber nicht alle Untersuchungen möglich gewesen, er hätte noch woanders hingebracht werden müssen. Aufgrund seiner Verfassung wollte ich ihm dies möglichst ersparen. Fragend sah ich den Arzt an und fragte ihn, was er tun würde, wenn es ein Hund wäre. Die Antwort kam schnell und klar. Er schüttelte den Kopf. Ich sah, wie leid es ihm für uns tat. Marco und ich haben pausenlos geweint. Ich hatte an dem Tag nichts essen können, ich fühlte mich so leer. Ich wusste, ich hatte keine Wahl. Eine Entscheidung nach meinem Wunsch wäre egoistisch gewesen, denn es geht immer um das Wohl des Tieres. Was ist für ihn das Beste, und was ist richtig?? Er sollte nicht leiden, nicht bei mir! Ich MUSSTE ihn gehen lassen, und es tat soooo weh. Der Arzt gab uns die Möglichkeit, uns von ihm zu verabschieden. Wir konnten ihn etwas später in die Praxis bringen.
In dieser Decke eingewickelt trugen wir ihn die Treppe runter und legten ihn im Auto auf den Rücksitz. In der Praxis haben wir uns dann nochmal von ihm verabschiedet und ihm versprochen, dass wir uns wiedersehen. Er wird auf uns warten. Ich hatte ihn nicht mal 4 Wochen bei mir. Es war die bewegendste Zeit in meinem Leben. Nach nur 3 Wochen und 4 Tagen mussten wir ihn gehen lassen. Er kam zu mir, um sich von dieser Welt zu verabschieden. Aber er hatte einen Namen, er wurde unglaublich geliebt, wie nie zuvor in seinem Leben. Und wir haben sehr geweint und getrauert. Ich weine noch immer, wenn ich die Bilder sehe, auch jetzt – wo ich diese Zeilen schreibe. Er durfte in Würde gehen. Keinen Moment haben wir ihn allein gelassen. Ich habe ihn beschützt – bis zuletzt – beschützt vor weiterem Leid und vor Schmerzen und vor einem qualvollen Ende. Wäre er in Bukarest geblieben, hätte wohl kaum jemand getrauert, er wäre allein in seiner Box in der Klinik von dieser Welt gegangen, vielleicht unter Qual und Schmerzen. Ich mag es mir überhaupt nicht vorstellen. Auf der FB-Seite war das letzte Bild von ihm. Viele Menschen brachten in ihren Kommentaren ihr Mitgefühl zum Ausdruck. Einige wenige haben mit mir um ihn geweint. Auch ich war nicht allein in dieser Zeit. Marco wäre am Liebsten am nächsten Tag nach Rumänien gefahren, um den Besitzer zu finden und ihn fertig zu machen!! Leider ist mein hübscher Junge kein Einzelfall in diesem Land und in anderen Ländern der Welt.
Für einen Moment seines Lebens durfte er Zuneigung und Verständnis erfahren, durfte Ruhe und Harmonie genießen. Ich habe ihm Geflügelfleisch gekocht – extra und nur für ihn. Er weiß, wie Butterkekse schmecken und durfte Leberwurst genießen, nur für ihn allein. Er brauchte keine Angst haben, dass ihm jemand sein Futter wegnimmt, er hatte immer frisches Wasser und ein warmes Zuhause. Und es gibt Menschen, die noch jetzt und heute um ihn weinen.